
Milliardendeal von Novartis: Drug Delivery wird zum strategischen Asset
Novartis zahlt potenziell 3,2 Mrd. US-Dollar für Zugang zu Alteogens Plattform für subkutane Arzneimittel. Dahinter steckt mehr als Patientenkomfort: Delivery-Technologien werden zu einem wichtigen Instrument für Lifecycle-Management und neue Wirkstoffklassen.
3,2 Mrd. US-Dollar für ein Enzym, das die Verabreichung von Arzneimitteln erleichtert? Der Deal zwischen Novartis und dem südkoreanischen Biotechunternehmen Alteogen wirkt auf den ersten Blick erstaunlich groß. Wenn man das Umfeld näher betrachtet, wird jedoch klar: Drug Delivery entwickelt sich vom technischen Detail zur strategischen Pharma-Plattform.
Novartis erhält mit der Vereinbarung Optionen auf exklusive Rechte für die Entwicklung und Vermarktung mehrerer subkutaner Produkte auf Basis von Alteogens ALT-B4. Die rekombinante Hyaluronidase macht sich dabei einen vergleichsweise einfachen Mechanismus zunutze: Sie baut Hyaluronsäure im Gewebe vorübergehend ab und schafft so Platz, damit größere Wirkstoffmengen unter die Haut gegeben und schneller verteilt werden können. Aus einer intravenösen Infusion kann so eine deutlich schnellere subkutane Injektion werden. Werden sämtliche Optionen gezogen und alle Entwicklungs- und Vermarktungsmeilensteine erreicht, kann Alteogen bis zu 3,223 Mrd. US-Dollar erhalten – zuzüglich umsatzabhängiger Royalties. Eine gewaltige Größenordnung, die sich für den Pharmapartner nur durch die Verwendung bei Blockbustern als sinnvoll darstellen dürfte.
Warum ist das für Novartis so wertvoll?
Der entscheidende Punkt ist die Mehrfachverwendbarkeit. Novartis kauft nicht einfach eine neue Formulierung für ein einzelnes Medikament, sondern Zugang zu einer Technologie, die auf mehrere Produkte angewendet werden kann. Genau deshalb ist die Dealgröße nicht mit dem Wert eines einzelnen Wirkstoffs gleichzusetzen.
Und Novartis hat einen besonderen Bedarf an solchen Technologien. Der Pharmakonzern muss in den kommenden Jahren eine Reihe großer Produkte gegen Nachahmer verteidigen. In den eigenen Unterlagen nennt Novartis unter anderem 2026 für Entresto in Europa, 2029 für Cosentyx in den USA und 2030 in Europa sowie 2031/32 für weitere wichtige Produkte.
Eine neue Darreichungsform kann dabei mehrere Funktionen erfüllen. Sie kann die Anwendung vereinfachen, die Versorgungskosten senken und die Bindung von Patienten und Ärzten an ein Produkt erhöhen. Vor allem aber kann sie eine neue Produktvariante mit eigenständigem IP-Schutz schaffen. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass der Patentschutz des ursprünglichen Wirkstoffs einfach verlängert wird. Patente auf Formulierung, Zusammensetzung oder Verabreichung können zusätzlichen Schutz bieten, müssen aber jeweils für das konkrete Produkt und die jeweilige Jurisdiktion betrachtet werden. Die FDA unterscheidet ausdrücklich zwischen Patent- und regulatorischer Exklusivität.
Wie wertvoll dieses Prinzip sein kann, zeigt ausgerechnet Alteogens bisheriger Erfolg mit Merck: Für die subkutane Version von Keytruda, Keytruda Qlex, wurde 2025 die Zulassung in den USA erteilt. Alteogen hat zudem inzwischen ein US-Patent für die entsprechende Zusammensetzung erhalten, das nach Angaben des Unternehmens bis 2043 reicht.
Das macht Drug Delivery zu einem möglichen Lifecycle-Management-Instrument: Der Wirkstoff bleibt derselbe, aber seine kommerzielle Verpackung und Anwendung werden neu erfunden.
Kein Einzelfall: Druge Dilivery wird Trendthema
Der Novartis-Deal fällt zudem in eine Phase, in der sich die großen Pharmaunternehmen regelrecht um Delivery-Technologien bemühen. Alteogen hat allein 2026 bereits Vereinbarungen mit GSK/Tesaro und Biogen geschlossen; im März erhielt Biogen Rechte für zwei subkutane Biologika, der Deal kann bis zu 579 Mio. US-Dollar erreichen. Im Mai lizenzierte GSK zudem Halozymes konkurrierende ENHANZE-Technologie für mehrere onkologische Targets, darunter erstmals auch ADCs.
Der Wettbewerb beschränkt sich damit längst nicht auf klassische Antikörper. Auch ADCs und perspektivisch weitere Modalitäten rücken in den Fokus. Alteogen hat beispielsweise eine Technologie patentiert, mit der sich auch ADCs subkutan verabreichen lassen sollen.
Für die Pharmaindustrie ist das attraktiv, weil Drug Delivery zwei Probleme gleichzeitig adressieren kann: Wie bekommt man einen Wirkstoff zum Patienten – und wie hält man ihn dort länger wirtschaftlich relevant?
Das Gehirn als nächste große Delivery-Baustelle
Noch strategischer wird das Thema bei Wirkstoffen, die ihr Zielorgan überhaupt erst erreichen müssen. Besonders deutlich ist das in der Neurologie. Die Blut-Hirn-Schranke verhindert, dass viele große Moleküle in ausreichender Menge ins Gehirn gelangen. Wer dieses Problem löst, besitzt damit nicht nur eine bessere Formulierung, sondern potenziell den Zugang zu einer ganzen Klasse bislang schwer behandelbarer Erkrankungen.
Entsprechend haben sich in den vergangenen Monaten mehrere große Deals um sogenannte BBB-Shuttles und andere Delivery-Technologien gedreht. Eli Lilly lizenzierte 2025 von Sangamo den neurotropen AAV-Capsid STAC-BBB, der die Blut-Hirn-Schranke überwinden soll. Der Vertrag umfasst bis zu fünf neurologische Targets und kann bis zu 1,4 Mrd. US-Dollar an Gebühren und Meilensteinen sowie Royalties erreichen.
GSK wiederum sicherte sich von ABL Bio Rechte an einem BBB-Shuttle gegen IGF1R für siRNA und Antisense-Anwendungen. Und Lonza erwarb im Juli 2026 Rechte an einer TfR1-basierten Technologie von Nona Biosciences, mit der Biologika über den Transferrinrezeptor durch die Blut-Hirn-Schranke geschleust werden sollen.
Auch Novartis setzt auf Delivery als Teil seiner Neurologie-Strategie: Mit der Übernahme von Avidity Biosciences für 12 Mrd. US-Dollar kaufte der Konzern nicht nur drei klinische Programme, sondern auch eine Technologieplattform für die gezielte RNA-Zufuhr in Muskelgewebe. Novartis bezeichnete die AOC-Plattform ausdrücklich als strategische Ergänzung seiner xRNA-Strategie. Zudem sicherte sich Novartis Zugang zur Brain-Shuttle-Technologie von BioArctic sowie von SciNeuro, doch damit sind die Schweizer nicht alleine, auch andere Pharmafirmen sind über Kooperationen verbunden. Relativ eigenständig ist in diesem Sektor der Basler Nachbar Roche unterwegs, der seine eigene Brain-Shuttle-Technologie entwickelt hat und anwendet.
Die neue Wertschöpfung liegt vor dem Wirkstoff
Damit zeichnet sich ein breiterer Wandel ab. Lange war Drug Delivery vor allem eine nachgelagerte Entwicklungsfrage: Tablette, Infusion, Depot oder Injektion. Bei neuen Modalitäten wird die Delivery dagegen zunehmend zu einem Teil des Wirkstoffdesigns selbst. Beim Lifecyclemanagement eines etablierten Wirkstoffs zur Frage, ob den Biosimilarnachfolgern kampflos die Marktanteile überlassen werden oder nicht.
RNA, Gen- und Zelltherapien, ADCs und große Biologika funktionieren nur dann, wenn die Moleküle an den richtigen Ort gelangen. Bei manchen Technologien entscheidet die Delivery sogar darüber, ob ein therapeutisches Konzept überhaupt klinisch funktionieren kann. Das erklärt auch die hohen Bewertungen. Ein erfolgreicher Delivery-Mechanismus kann auf mehrere Wirkstoffe, Targets und Indikationen übertragen werden. Der Käufer erwirbt damit eine Art technologische Infrastruktur für seine Pipeline.
Für Novartis kommt ein weiterer Effekt hinzu: Der Konzern kann damit nicht nur neue Produkte entwickeln, sondern auch seine bestehenden Blockbuster gegen den Übergang in den Wettbewerb mit Generika oder Biosimilars absichern. Drug Delivery wird damit vom Convenience-Thema zum Bestandteil der Patent- und Portfoliostrategie. Der Alteogen-Deal ist deshalb weniger eine Wette auf eine einzelne Hyaluronidase als auf die wachsende Bedeutung einer unsichtbaren Schicht der Pharmaindustrie: Wer den Transport eines Wirkstoffs kontrolliert, kontrolliert zunehmend auch dessen klinischen und kommerziellen Wert.

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